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Damals, als er noch Minister sein durfte, machte Rudolf Sch. dem Selbstvermarktungsgenie
Alfred seine Aufwartung in der Fernsehküche. Munter plauderten die
Herren – nein, nicht über Badefreuden oder preiswerte Herrenoberbekleidung,
sondern über südeuropäische Märkte. L´Isle-sur-la-Sorgue,
verriet Herr Sch., habe den schönsten Markt in der Provence.
Als Zuschauer dachten wir: Da könnte er Recht haben. Schließlich
kannten wir den Markt. Und im Juli 2003 waren wir wieder dort.
Nun
ist für einen Mitteleuropäer vermutlich jeder Markt in Südfrankreich
ein Erlebnis, doch der in L'Isle-sur-la-Sorgue dürfte die meisten
weit übertreffen. Das 18.000-Einwohner-Städtchen liegt 40 Kilometer
östlich von Avignon und ebenso weit südlich von Carpentras.
Weil mehrere Arme des Flüsschens Sorgue den Ort durchfließen,
haben eifrige Marketing-Strategen bereits das „Venedig der Provence“
ausgerufen, doch auch ohne solche maßlose Übertreibung ist
es ein Ort von besonderem Reiz, vor allem für Liebhaber von Antiquitäten
und Freunde südeuropäischer Märkte.
Immer
wieder sonntags fällt dort am frühen Morgen buntes Händlervolk
in die Straßen der Altstadt ein. Verkauft wird vor allem, was die
Region zu bieten hat, und das ist in der Provence bekanntlich eine ganze
Menge. Natürlich Obst und Gemüse in vorzüglicher Qualität,
Ziegenkäse und Honig aus eigener Produktion, Rotwein, Oliven in allen
erdenklichen Variationen und mit ihnen zahlreiche Produkte aus Olivenöl.
Phantasievolle Marmeladen-Kreationen können wie alles Ess- und Trinkbare
am Stand verkostet werden.
Und was der Mensch sonst noch brauchen könnte: Edle Taschenmesser
und stilvolles Besteck, Bekleidung, rustikales Steingut, überwiegend
im typischen farbenfrohen Traditionsdekor der Provence, dazu passende
Baumwollstoffe. Der Versuchung, Nützliches für die Küche
aus ausdrucksstarkem Olivenbaumholz zu kaufen, Schalen, Schüsseln,
Mörser oder Salatbesteck (jedes Stück ein Unikat), ist kaum
zu widerstehen. Stände mit Lavendelprodukten warten auf mit intensivem
Duft und üppiger Dekoration, zu kaufen gibt es verschiedene Arten
getrockneten Lavendels und Lavendel-Essenz zu sehr moderaten Preisen.
Andere
Händler haben sich auf Seifen auf Olivenölbasis spezialisiert,
mit und ohne Aromen der Landschaft.
Allerdings entstammt nicht alles, was auf dem Markt von L'Isle-sur-la-Sorgue
angeboten wird, der Umgebung. Bei den Gewürzhändlern, die die
gewünschten Kleinmengen aufgereihten großen Säcken entnehmen,
ist das nahe liegend. Die überaus schmackhaften Hartwürste hingegen
sind spanischer Herkunft – macht nichts, sind ja mit den französischen
sowieso eng verwandt. Vier Würste nach eigener Wahl für 10 Euro.
Doch weil es auf 14 Uhr zugeht und dann der Markt schließt, legt
der ersichtlich gut gelaunte Händler noch eine fünfte dazu.
Wer seinen stark beanspruchten Sinnen Ruhe verordnen oder beim Verkosten
den rechten Appetit bekommen hat, kehrt in eines der Straßencafés
ein oder macht Halt an einem mobilen Imbissstand. Heute vielleicht Paëlla?
Vermutlich ist in der Hitze ein frisch gepresster Saft eher das Richtige.
Alternative: Der Besuch eines Restaurants am Flussufer mit Blick auf das
Ortsbild prägende große Wasserrad.
Brücken führen von hier auf die andere Seite der Sorgue, geradewegs
ins Reich
der Antiquitätenhändler. Die meisten von ihnen begnügen
sich mit Ständen nach Flohmarktart, nur die Händler von alten
Möbelstücken haben auf der anderen Straßenseite größere
Hallen bezogen. Da ist dann jeden Tag Markt. „Nowhere else can
such an art market be found“, rühmt sich L'Isle-sur-la-Sorgue
auf seiner Homepage. Könnte stimmen.
Wer den Markt schon früh besuchen möchte, was in jedem Fall
ratsam ist, sollte in L'Isle-sur-la-Sorgue übernachten, zumindest
aber in der Nähe; die Bettenkapazität im Ort ist begrenzt. Informationen:
www.ot-islesurlasorgue.fr
Glücklich können sich diejenigen schätzen, die von Samstag
auf Sonntag eines der fünf Zimmer des Hotels „La Gueulardière“
für 58 € (DZ) reservieren konnten (1, Cours René Char.
84800 Isle-sur-la-Sorgue, Tél. 04 90 38 10 52, Fax. 04 90 20 83
70). Das gepflegte alte Haus liegt nur fünf Fußminuten vom
Markt entfernt. Weniger Glückliche müssen eine andere Bleibe
suchen, sollten aber zum Trost im Gartenrestaurant von "La Gueulardière"
unter Platanen vorzüglich speisen. Schließlich gilt: Man is(s)t
in Frankreich (on est en France)…
Ortwin G. Weyther |