Christstollen aus Dresden

 


Mit Dresden verbindet mich viel, mehr noch, Dresden ist ein wichtiger Teil meiner Biografie. Hier habe ich mich etliche Jahre den strengen Regularien des Chemiestudiums unterworfen, Dresdner Christstollenaber auch eine blühende Musikszene genossen. Dresden habe ich als lebensfrohe Stadt mit einem reichen Kunst- und Kulturangebot in Erinnerung, das keineswegs auf Klassik reduziert war.

Schon lange vor meiner Studentenzeit verfügte Dresden über jene Kulturgüter, die heute Besucher aus aller Welt anziehen. In Dresden schließlich war ich jung verheiratet. Und als 2002 die Elbe weite Teile der Stadt überflutete, sah ich im Fernsehen mit Entsetzen auch das betroffene Krankenhaus, in dem mein ältester Sohn geboren wurde.

Viele Erinnerungen werden wach, wenn ich an Dresden denke. Erinnerungen auch an Weihnachten mit dem Weihnachtsoratorium in der Kreuzkirche und an Dresdner Christstollen, die für mich die besten der Welt waren und sind.

Viele Jahre später und viele Kilometer entfernt las ich in einer Stollen-SiegelFeinschmecker-Zeitschrift das Hohe Lied auf Original Dresdner Christstollen, eingebunden in das Portrait des Familienunternehmens Wippler, das seit 1910 auf die Stollenbäckerei aus natürlichen Zutaten spezialisiert ist. Gelesen, bestellt, gekostet und für gut befunden. Nostalgische Gefühle inklusive.

Ich weiß nicht mehr, bei wem ich in Dresden die Christstollen gekauft habe, die ich als Studentin meinen Eltern zu Weihnachten mitbrachte. Seinerzeit kursierten in Studentenkreisen die Namen der angesagten Bäckereien, doch letztlich kamen mir alle Stollen aus Dresden viel besser vor als das Backwerk gleichen Namens aus Berlin oder aus der Brandenburger Region, in der meine Eltern wohnen. Sie hatten eben den Bogen raus, die Dresdener Bäcker.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, und Michael Wippler und seine Zunftkollegen tun ein Übriges, den Ruhm der Dresdner Christstollen zu mehren. Schön, dass sie dabei immer noch traditionelle Stollen backen; abgedrehte Zeitgeistkreationen, von denen ich unlängst hörte („Champagnerstollen“), finde ich im Sortiment der Traditionsbäcker erfreulicherweise nicht. Wozu auch? Es sind schließlich die Klassiker, Klassischer Rosinenstollendie den Stollen aus Dresden berühmt gemacht haben: Rosinenstollen, die diesen Namen wirklich verdienen, und Mandelstollen, deren cremige Zartheit an Marzipan denken lässt.

Sicherlich wird es versierte Köchinnen und Köche geben, die ihre Stollen selber backen und auf das Ergebnis schwören. Ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrhaftigkeit solcher Berichte. Mir ist es allerdings noch nicht gelungen, einen Stollen zu backen, der nur annähernd den Standard eines echten Dresdner Christstollens erreicht hätte. Meinen Verwandten und Bekannten auch nicht, da gebe ich lieber klein bei und sage: Gebt dem Bäcker, was des Bäckers ist. Und bei Stollen muss es für mich eben ein Bäcker aus Dresden sein.

Bei mir gehört in die Vorweihnachtszeit und zum Weihnachtsfest Christstollen aus Dresden. Das hat nur ein kleines bisschen mit Nostalgie zu tun, weit mehr aber mit Wertschätzung und Respekt. Gutes Handwerk verdient das.

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